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Mit der MS Schüppy auf Kreuzfahrt!

 

Folge 4: „God Save the Queen“

 

MS Schüppy Boris Noruschat

                                   Foto: Illustration Boris Noruschat - Deine Ankerkette

God save the Queen and MS Schüppy

Ich liege vor dem Cruise Terminal am Ostseekai in Kiel und es regnet Bindfäden. Mein Kapitän hat sich schon bei Helga, meiner Kreuzfahrtdirektorin, beschwert, dabei macht sie das Wetter nun wirklich nicht. Ich habe aus seinen Worten gelernt, dass es in Großbritannien, wo ich nun als Nächstes hinfahre, IMMER regnet. Ich frage mich ernsthaft, warum meine Reederei dieses Ziel ausgewählt hat. Aber: Sie ist mein Chef und bestimmt die Routen. Mein Kapitän und ich sind nur die ausführenden Organe. Die schöne Sailaway-Party zum Auslaufen auf meinem Achterdeck um 18 Uhr wurde schon gestrichen und in die Lounge verlegt. Meine Teakdecks sind viel zu rutschig und es regnet noch immer. Das trocknet nie bis heute Abend. Der Spruch meines 1. Offiziers: „Alles was heute vom Himmel runterkommt, kommt morgen nicht“, bringt ihm fast eine Ohrfeige des Kapitäns ein. Es ist 14 Uhr und der Check-in am Kai hat begonnen. Die lieben Hausdamen sind bemüht, die neuen Gäste mit Regenschirmen in der Halle abzuholen und versuchen, sie möglichst trocken an Bord zu bringen. Die Gangway wurde extra auf Deck 2 verlegt, sodass niemand die inzwischen glitschigen Eisenstufen emporklettern muss. Um Punkt 17 Uhr sind alle an Bord, und als ich eine Stunde später aus dem Hafen von Kiel auslaufe, ist niemand an Deck. Nur der 1. Offizier wurde dazu verdonnert, auf der Nok zu stehen. Das hat er nun von seinen flotten Sprüchen heute Mittag.

 

Monsteralarm und Männer in karierten Röcken!

Über den ersten Seetag in Richtung des Vereinigten Königreiches gibt es wetterbedingt keine Änderung zu verkünden. Am Vormittag stellt der Lektor die Ausflüge für unseren ersten Hafen Invergordon vor. Ich bin schockiert über seine Ausführungen! Es wird ein Ausflug zu einem Seeungeheuer namens Nessie angeboten und ich sehe Bilder der örtlichen Reiseleiter, die karierte Röcke tragen! Dann ist noch die Rede von Linksverkehr. Ob ich da auch anders in den Hafen einfahren muss? Na, mein Kapitän wird es wissen. Ich finde das alles eher beunruhigend und wenn ich ein Mensch wäre, dann würde ich sicherheitshalber diesen Ausflug zur Whisky-Destillerie buchen, Prost! Meine Gäste scheinen das alles gar nicht unheimlich zu finden und ich bin überrascht, dass fast 90 Prozent sich für den Ausflug zu dem Monster entscheiden. Haben die denn gar keine Angst? Pünktlich am nächsten Morgen mache ich um 8 Uhr an der Pier von Invergordon fest. Schon beim Anlegen sehe ich den ersten Mann, der einen karierten Rock trägt und in ein großes Instrument hineinbläst, das laute und sehr schrille Töne von sich gibt. Ich könnte mir mein Typhon zuhalten. Meine Gäste strömen hinaus, es regnet nicht, sondern ist nur bedeckt und sie steigen in die bereitstehenden Busse ein. Nur ein paar Crewmitglieder machen sich in die kleine Stadt Invergordon auf, die sie bequem in wenigen Minuten zu Fuß erreichen können. Ich blicke auf die Berge, die sich am Horizont erheben und Highlands heißen, wie ich von meinem Kapitän gelernt habe. Hoffentlich wird keiner von diesem Seeungeheuer gefressen, denke ich und sorge mich schon um das pünktliche Ablegen am Abend. Doch wie durch ein Wunder kommen alle unversehrt zurück. Die Passagiere sind voller Freude, obwohl niemand Nessie zu Gesicht bekommen hat. Ist das zu fassen? Dafür haben sie eingekauft und wisst ihr, was? Röcke! Später am Abend bei der „Schottischen Nacht“ in meinen Bars ist kaum ein Mann ohne dieses Beinkleid zu sehen. Ich merke mal wieder, dass ich noch viel über die Menschen und ihre Eigenheiten zu lernen habe.

 

Sackpfeifer erobern die MS Schüppy

Am nächsten Tag bringt die Passage der Hybriden überraschend Sonnenschein mit sich und meine Gäste relaxen entspannt auf meinen Außendecks. Der Kapitän ist gut gelaunt und dreht sogar eine Sonderrunde mit mir durch die Inneren Hybriden. Die Landschaft ist traumhaft schön. Schroffe Berge sind von grünen Hängen umwaldet und überall stehen kleine Leuchttürme und Häuschen auf unzählig vielen Inseln. Dieses Schottland beginnt mir zu gefallen. Tags drauf in Greenock schüttet es dann wieder dermaßen aus allen Eimern, dass kaum ein Passagier trockenen Fußes zum Ausflugsbus und zurückkommt. Selbst in das kleine Shopping-Center am Hafen zu gehen, ist schon eine Herausforderung. Anscheinend ist es heute sogar den Schotten in ihren Röcken zu nass, denn weit und breit ertönt keine Dudelsackmusik. Der Tag geht vorbei und damit auch Schottland. Am Abend ertönen an Bord dann doch wieder die Klänge dieses schrillen Instruments. Ein paar Passagiere haben sich einen Dudelsack gekauft und beschallen damit nun die Lounge nach dem offiziellen Programm. Wenn Ihr mich fragt, ein typischer Fall von Regenkoller. Doch sie haben Spaß und auch die Crewmitglieder, die alle nur zu gern versuchen, dem Instrument einen Ton zu entlocken. Was die Passagiere wohl zu Hause mit dieser Sackpfeife anstellen? Ob sie nach ein paar Jahren auf dem Sperrmüll landen wird? Ja, so bin ich, ich mache mir immer über alles meine eigenen Gedanken.

 

Brennt mein Kapitän mit Helga in Dublin durch?  

Wir schüppern (ha!) weiter und erreichen am nächsten Tag ein neues Land: Irland, auch die grüne Insel genannt, wie der Lektor meinen Passagieren gestern erklärte. Und es scheint die Sonne entgegen allen Wettervorhersagen. Als ich morgens um 7 Uhr in den Hafen von Dublin einlaufe, verspricht es, zumindest vom Wetter her, ein schöner Tag zu werden. Meine Liegezeit bis 22 Uhr am Abend nutzen die Passagiere zu langen Landgängen aus. Auch der größte Teil meiner Crew ist von Bord. Ich konnte sogar beobachten, dass Helga mit dem Kapitän mit einem Taxi aus dem Hafen weggefahren ist. Ich überlege, ob da was geht, entscheide mich aber dagegen oder haben Sie jemals beim Traumschiff gesehen, dass die Beatrice mit dem Kapitän etwas anfing? Ich nicht! In keiner der 81 Traumschiff-Folgen war das zu sehen. Woher ich es so genau weiß? Nun, diese Folgen laufen in meinem Bord-TV rund um die Uhr. Inzwischen ist die Beatrice weg aus dem TV und es wird also dort auch nicht mehr passieren, denn der Victor ist eindeutig zu jung für sie. Und hier an Bord doch wohl auch nicht, oder? Aber: Wo sind die Zwei bloß hingefahren? Ich zermartere mir darüber meinen ganzen Rumpf, bis ich sie am Nachmittag wieder vorfahren sehe. Beim Security-Check ihrer zahlreichen Einkaufstüten sehe ich, dass sie einkaufen waren für die „Irische Nacht“, die heute ab 20 Uhr auf meinem Pooldeck gefeiert werden soll. Grüne Perücken und Girlanden befinden sich in den zahlreichen Tüten. „Es hat mir Spaß gemacht, Ihnen bei den Einkäufen zu helfen, liebe Helga“, höre ich meinen Kapitän formvollendet sagen und meine Welt ist wieder in Ordnung. Es wird ein fröhlicher grüner Abend und meine Gäste haben jede Menge Spaß.

 

Mein erster Sturm

Noch in der Nacht verändert sich das Wetter und die Zeichen stehen auf Sturm im Ärmelkanal. Bei Windstärke 8-9 tanze ich leider doch sehr heftig auf den Wellen und so wird der Besuch der Scilly-Inseln natürlich abgesagt. Crewmitglieder hat es im wahrsten Sinne des Wortes übel erwischt. Es ist der erste heftige Seegang meines Lebens und die Wellen klatschen mit einer Wucht an meinen Bug, dass mir manchmal ganz schwindelig wird. Doch mein Kapitän ist sturmerprobt und steuert mich sicher und souverän. Ab und an wird mein Vordeck mit Seewasser überspült. Nach anderthalb Tagen erreichen wir schließlich London und als wir unter der Tower Bridge durchfahren, strahlt die Sonne vom Himmel. Diesen besonderen Liegeplatz im Herzen von London werde ich erst viel später begreifen, denn noch weiß ich nicht, dass meine großen Kollegen dort gar nicht hineinpassen und daher auf Southampton oder Dover ausweichen müssen. Kreuzfahrer scheinen schnell zu vergessen. Weg sind die missmutigen Gesichter der letzten Tage! Zwei volle Tage London stehen auf dem Programm und meine Gäste stürzen sich förmlich auf die Stadt und den nun beginnenden Sommer, der keine Wünsche offen zu lassen scheint. „Für übermorgen in Bremerhaven sind 25 Grad angesagt“, teilt mein Kapitän Helga bei dem üblichen morgendlichem Treffen auf der Brücke mit. Helga strahlt mit der Sonne um die Wette. „Ich freue mich schon auf die nächste Reise und die norwegischen Fjorde“, lacht sie und wirft kokett ihren Kopf zurück. „In Bergen muss ich Ihnen unbedingt den Fischmarkt zeigen“, ist die Antwort des Kapitäns und Helga nickt begeistert. Ob die nicht doch …?, denke ich. Währenddessen höre ich aus meinem Theater die ersten Takte von „God Save The Queen“. Mein Showensemble beginnt mit den Proben für die Abschluss-Show der Kreuzfahrt.

 

Ahoi, Eure MS Schüppy!